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Ein besonderer Fund: Die Jugendtagebücher Kaiser Franz Josephs I

Tagebuch Kaiser Franz Joseph I (Bild © Böhlau Verlag)

Auf Schloss Seisenegg lebte Erzherzog Franz Salvator von Österreich-Toskana mit seiner zweiten Ehefrau Melanie, geb. Reichsfreiin von Risenfels bis zu seinem Tod im Jahre 1939.

Der Erzherzog hatte 1924 einen historischen Schatz für die Nachwelt gesichert: die Jugendtagebücher des Kaisers Franz Joseph aus den Jahren 1843 – 1848. Dazu schrieb er

Wie ich (Erzherzog Franz Salvator) in den Besitz der beiden Tagebücher Sr. Majestät Kaiser Franz Joseph I aus seiner Jugendzeit kam. 

Im Auftrage Seiner Exzellenz des ehem. Botschafters Graf Lützow, der wegen Abreise persönlich bei mir nicht vorsprechen konnte, erschien etwa Ende 1923 spätestens Frühjahr 1924 Graf Ferdinand Colloredo bei mir und teilte Folgendes mit: Die ehem- Kammerjungfer (Rosa) der Gräfin Lützow, die mit einem Beamten, wenn ich mich richtig erinnere, der Zillingsdorfer Kohlenwerke, jedenfalls in Unter-Höflein wohnhaft, verheiratet war, habe erzählt, dass ihr Mann – Franz Kukulka – zwei eigenhändig geschriebene Tagebücher Kaiser Franz Joseph‘s I aus dessen Jugendzeit besitze und dieselben eventuell einmal verwerten möchte.
Um die Echtheit dieser Bücher zu konstatieren, ersuchte ich Graf Colloredo, er möge mir dieselben verschaffen, dann könne man über die Sache weiter reden.
Graf Colloredo brachte mir diese Büchr und sowohl meine verstorbene Gemahlin Erzherzogin Marie Valerie als ich erkannten aus dem Inhalte wie aus der Handschrift, dass diese beiden Tagebücher wirklich echt seien. Ich gab dieselben nicht mehr aus der Hand und beauftragte meinen Bevollmächtigten, Graf Friedrich Rességuier, sich mit dem Besitzer der Bücher ins Einvernehmen zu setzen und alles andere mit ihm zu besprechen.
Franz Kukulka war nun auf folgende Art in den Besitz dieser Tagebücher gelangt: Als länger dienender Unteroffizier der Leibgarde-Infanteriekompagnie war er als Kanzleikraft in die Kabinettskanzlei Sr. Majestät kommandiert. In der Umsturzzeit 1918/19 erhielt er den Auftrag, Schriften und Akten der Kabinettskanzlei zu verbrennen. Bei dieser Gelegenheit kamen ihm auch die erwähnten zwei Tagebücher in die Hände. Was Kukulka bewogen hat dem erhaltenen Befehle entgegen zu handeln und diese beiden Bücher an sich zu nehmen, vermag ich nicht zu sagen. Das Endresultat der mit ihm gepflogenen Verhandlungen war, dass er erwähnte, froh zu sein, dass diese Tagebücher nun in die richtigen Hände gelangt wären. Er brachte noch die Bitte vor, falls er seine Anstellung verlieren müsste und dann seinen Wohnsitz Unter-Höflein a.d. Schneebergbahn verlasssen würde, um ein in Aussicht stehendes kleines Anwesen zu erwerben, ihm hiebei mit einem Geldbetrag behilflich zu sein.
Mit Schreiben vom 18.4.1925 teilte Franz Kukulka meinem Sekretariate mit, dass er mit 31.3.1925 abgebaut worden sei, den Kaufschilling für das erworbene Anwesen zu erlegen habe und übersiedeln wolle, worauf ihm am 23.4.1925 K[ronen] 10,000.000.- d.s. S[chilling] 1.000,- per Postscheck überwiesen wurden.
Wien, im Mai 1938. [angefügt die eigenhändige Unterschrift des Erzherzogs]

Typoskript Franz Salvators von Österreich-Toskana; publiziert in “Anna Maria Sigmund, Die verschollenen Tagebücher Franz Josephs, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. und Co. KG. Wien–Köln-Weimar, 1999, S. 13. 

Die Tagebücher wurden so der Nachwelt bewahrt und gelangten über Umwege schließlich in das Archiv des Schlosses Seisenegg. Dort lagen sie unter vielen anderen Schriftstücken und Familiendokumenten und wurden vergessen, bis diese im Zuge der Aufarbeitung der Verlassenschaft nach Melanie Habsburg-Lothringen im Jahre 1984 wiederentdeckt wurden.

Mit der kommentierten und bebilderten Publikation im Böhlau Verlag 1999 sind die verschollen geglaubten Jugendtagebücher des Kaisers nun allgemein zugänglich geworden.

Dazu auch: https://sciencev1.orf.at/gastgeber/86245.html

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