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Der Schlitten Marie Antoinettes

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Marie Antoinette - Königin von Frankreich
Marie-Antoinette – Königin von Frankreich

In den Wirren des Zweiten Weltkrieges und der Kulturgüterverschleppungen des nationalsozialistischen Regimes erkor der „Einsatzstab Rosenberg (ERR)“ ab dem November 1943 das Schloss Seisenegg und seinen Schüttkasten zwangsweise zum vorübergehenden Bergeort für geraubtes Kulturgut.

Laut mündlicher Überlieferung (durch die nach wie vor auf Seisenegg wohnenden Schwestern Risenfels/Habsburg-Lothringen) wurden bis 1945 vierzehn Waggonladungen eingelagert. Die Inventare listeten penibel Kunstschätze enteigneter französischer Personen & Sammlungen [Arnhold, Bernard de Pontois, Van Cleef, Colloredo, Dreyfuss, Gimpel, Helft, Klamann, Lévy (rue Chézy), Lévy Arthur (rue de la Pompe), Lewin, Libermann, Meyer A L, Rosenberg (Paul), Rothschild, Simon (Hugo), Stern (av. Gabriel)], Gegenstände aus dem Louvre und dem Jeu de Paume von Paris sowie Möbel der sog. „M-Aktion“ auf. Letzteres waren durchwegs Möbel, die für deutsche Zwecke aus Wohnungen von Inhaftierten und Verschleppten aus Paris genommen wurden. Die Intention dahinter war, sowohl die Kulturgüter zu verstecken als auch diese vor alliierten Bombenangriffen zu schützen. Zu einem späteren Zeitpunkt sollte das Raubgut dann verteilt oder gewinnbringend veräußert werden.

Im Juni 1945 erzwang, wahrscheinlich durch Verrat, die russische Besatzungsmacht die Öffnung und Sichtung der Kisten. Erfreulicherweise konnte über Mittelsmänner auch die französische Seite von den Vorkommnissen in Kenntnis gesetzt werden. In den nun folgenden Verhandlungen der beiden Besatzungsmächte Frankreich und Sowjetunion wähnte sich letztere auf sicherer Seite, da sich die Objekte nach dem Abzug der amerikanischen Truppen und der Festlegung der Demarkationslinien auf „russischen Territorium“ befanden. Von sowjetischer Seite wurde immer nachdrücklicher behauptet, alle Gegenstände stammten aus polnischen Museen. Tapisseriekisten wurden geöffnet, ihr Inhalt als „polnisch“ wiedererkannt, ja der Schlitten Marie Antoinettes wurde von den Russen als typisch polnisches Schneefahrzeug deklariert.

Wie es sonst nur im Märchen geschieht, konnte in dieser ausweglosen Situation ein deutscher Kunstschutz-Beamter aus Berlin quer durch alle Besatzungszonen und trotz aller Transitschwierigkeiten anreisen und bewies anhand detaillierter rosenbergscher Verschleppungslisten, daß das gesamte Kunstgut aus Frankreich stammte. Nur sehr widerwillig mußten so die Sowjets ihre Ansprüche aufgeben und alles dem mit ihnen verbündeten Frankreich zur Rückführung überlassen.

Heute erinnert nichts mehr in Seisenegg an diesen kaum beachteten Bergeort gestohlenen Kulturgutes.

Literatur: Art Looting Investigation Unit APO 413 des OSS / US Army, The Central Registry of Information on Looted Cultural Property 1933-1945, Activity of the Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in France: C.I.R. No.1, 15 August 1945.

Weblinks:

https://www.diplomatie.gouv.fr/IMG/pdf/listes_et_inventaires_err_cle091697.pdf

https://www.lootedart.com/MN51H4593121

https://archivesdiplomatiques.diplomatie.gouv.fr/ark:/14366/wzct32bjvqkx/d8cade64-02f3-4ab2-89fa-faf40d401769

Beschreibung des Schlitten Marie-Antoinettes